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Hinter jedem Text steckt ein*e Autor*in – auch hinter wissenschaftlichen. Nur treten Autor*innen eher selten in direkter Form auf, sondern meist indirekt (etwa in Form von Passiv-Konstruktionen oder Ersatzbezeichnungen wie „Die vorliegende Arbeit…“). Analysen von vielen wissenschaftlichen Texten haben ergeben, dass die Konstruktion der Autor*innenrolle zu den schwierigsten Aufgaben beim Texteverfassen zählt. Denn auf der einen Seite sollen wissenschaftliche Texte „objektiv“ sein, auf der anderen Seite können sie es gar nicht sein, da jede Darstellung eine persönliche Perspektivierung darstellt. Hinzu kommt, dass besonders im deutschsprachigen Raum die Verwendung von „ich“ in wissenschaftlichen Texten tabuisiert ist. Eventuell haben Sie auch schon einmal gehört, dass man in wissenschaftlichen Texten nicht „ich“ sagen soll. 

Nun kann „ich“ in ganz verschiedenen Formen auftreten. Drei Beispiele:

  1. Im Weiteren werde ich die oben genannten Meilensteine in der Bilingualismusforschung genauer erläutern.
  2. In meinem Verständnis der Zweisprachigkeit stimme ich Triarchi-Herrmann (2006: 19) zu.
  3. Ich habe mich für diese Zwei entschieden, weil ich sie öfter bei anderen kommunikativen Herausforderungen benutzt habe und mich mit ihrer Anwendung sicher fühle.

Was fällt Ihnen an diesen Beispielen auf? In allen drei Fällen wird „ich“ verwendet und doch gibt es Unterschiede: Das erste Beispiel dient dazu, den Lesenden einen Überblick über die Textstruktur zu geben. Im zweiten Beispiel „spricht“ die/der Forschende und verortet sich in einem Diskurs. Das dritte Beispiel erzählt von der/dem Autor*in selbst, es ist autobiographisch. 

(blue star) Prüfen Sie sich selbst: Welche Beispiele finden Sie akzeptabel, welche nicht?

In einer empirischen Untersuchung hat Steinhoff (2007) Beispiele aus wissenschaftlichen Texten von Wissenschaftler*innen darauf hin bewerten lassen, ob sie die „ich“-Verwendung akzeptabel finden oder nicht. Die ersten beiden Beispiele wurden akzeptiert, das dritte nicht. Die Schlussfolgerung von Steinhoff lautet daher, dass die Ich-Verwendung abhängig ist von der Funktion, die damit im Text einher geht. Wenn es darum geht, Lesenden Orientierung zu verschaffen oder seine eigene Forschungsposition kund zu tun, wird ein „ich“ akzeptiert. Inakzeptabel ist nur das sogenannte „Erzähler-Ich“, denn in wissenschaftlichen Texten wird nicht erzählt, sondern argumentiert.

Es gibt allerdings keine allgemeingültige Regel, ob Sie in Ihrem Text „ich“ verwenden dürfen oder nicht. Einfluss nehmen

  • das Fach
  • die persönliche Einstellung der Prüfenden
  • die Sprache, in der Sie Ihren Text schreiben


(red star) Grundsätzlich gilt: Ein wissenschaftlicher Text lebt von Ihrer Auseinandersetzung mit einem Gegenstand. Diese muss sichtbar werden. Das Ziel ist, die eigene „Stimme" (englisch: voice) in dem Text hör- bzw. sichtbar werden zu lassen.


RATGEBER

Inhaltlich

Kruse, Otto (2017): Kritisches Denken und Argumentieren. Konstanz: UVK Verlagsgesellschaft mbH/UTB [Studieren, aber richtig; 4767]. <Link zum E-Book, nur mit VPN "Online-Recherche">


Sprachliche Umsetzung von Selbstreferenz

Graff, Gerald/ Birkenstein, Cathy (2009): They say, I say. The Moves that Matter in Academic Writing. New York: Norton.
> zur Rezension


Zum Weiterlesen

Überblick über die sprachlichen Mittel der direkten und indirekten Selbstreferenz (S. 16) bei Kruse, Otto (2012): Wissenschaftliches Schreiben mehrsprachig unterrichten: Was ist möglich, was ist nötig? In: ÖDaF-Mitteilungen 28, H. 2, 9–25 


QUELLEN

Steinhoff, Torsten (2007): Zum ich-Gebrauch in Wissenschaftstexten. In: ZGL 35 (1/2), 1–26, DOI 10.1515

Die Beispiele stammen aus dem Kommentierten Lerndenkorpus akademisches Schreiben (KoLaS), vgl. ***LInk einfügen



(info) Zitiervorschlag für diese Wiki-Seite

Knorr, Dagmar (2020): Autor*innenrolle – Wo bleibt die Autorin/der Autor in ihrem/seinen Text?. Wiki "Schreiben im Studium | Academic Writing". Leuphana Universität Lüneburg, Schreibzentrum / Writing Center. <https://lehrwiki.leuphana.de/pages/viewpage.action?pageId=48922739>

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